Beschreibung des Tanzes von Anton Köcheler
Alle fünf Jahre
- so will es ein Gelübde -
führt man den »Wilde-Männle-Tanz«
auf.
Gar mancher wird beim Lesen der
Überschrift erstaunt fragen, was ein »Wilde-Männle-Tanz«
ist. Oder, wo gibt's diese »Wilden Männle«?
Es ist schon etwas Besonderes, ein nicht alltägliches
Schauspiel, wenn die »Wilden Männle«
tanzen oder springen. Man muß es einmal gesehen
haben, und dem Beschauer verbleibt ein nachhaltiger Eindruck,
wenn er sich um 2000 Jahre zurückversetzt sieht.
Dieser Tanz ist nicht auf die neuerdings ausgebrochene
Nostalgiewelle zurückzuführen, denn die »Wilden
Männle« tanzten schon, bevor das Wort »Nostalgie«
geboren wurde.
Verbreitet waren die »Wilden
Männle« früher über das ganze Alpengebiet,
von Hochsavoien bis zur Tatra und von den Dolomiten bis
hinauf in den Harz und den Thüringer Wald. Doch nur
an einem einzigen Ort der ganzen Alpen hat sich der Tanz
in seiner Urform erhalten: In Oberstdorf im Allgäu.
Es ist dies eines der letzten Kultgüter aus der noch
heidnischen Zeit, welcher sich im Schütze der entlegenen
Oberstdorfer Gebirgstäler in unsere Zeit hinüberretten
konnte. Denn noch vor einigen hundert Jahren verbanden
sich mit dem Begriff Oberstdorf noch die Schrecken des
Urwaldes, der Wildnis und der unerforschten Bergwelt.
Das ist wohl der Grund, warum sich in Oberstdorf dieses
uralte Erbe grauer Vorzeit zu halten vermochte.
Die einheimische Bevölkerung
hat an der althergebrachten Gewohnheit des »Wilde-Männle-Tanzes«
durch die Jahrhunderte unentwegt festgehalten. Und wenn
auch heute manche Figuren nicht mehr so getanzt werden
wie einst vor 2000 Jahren und manche modische Geschmacksrichtung
vergangener Zeit dem Tanz ein anderes Gepräge verliehen
hat, so führt doch von dem Oberstdorfer »Wilde-Männle-Tanz«
des Jahres 1990 eine ununterbrochene Linie zurück
in die Vorzeit, wo sich das Tun, Fühlen und Denken
der Menschen im Dunkel verlieren. Auch wurde der »Wilde-Männle-Tanz«
nicht von geschäftstüchtigen Managern hochgespielt
oder von Fremdenverkehrsbüros zum Zwecke einer Attraktion
für Sommerfrischler. Der »Wilde-Männle-Tanz«
wurde schon aufgeführt, als es noch keine Kurgäste
und auch kein staatliches Interesse an heimischem Volkstum
und alten Bräuchen gab.
Die erste komplette Beschreibung
des »Wilde-Männle-Tanzes« finden wir
in der von Abt Columban verfaßten Vita 615 nach
Christi. Unter anderem wird dabei eine Opferfeier erwähnt,
bei der die wilden Männerzu einem Umtrunk vereint
waren und aus hölzernen Bechern ihr Bier tranken
und dazu sangen, wie die Schlußszene es heute noch
genauso darstellt. In der Pariser Nationalbibliothek findet
man in der von De Brujes verfaßten Chronik im 4.
Band ein Bild des »Wilde-Männle-Tanzes«
(Manuskript 2646). Das Bild beschreibt den »Wilde-Männle-Tanz«
in Paris 1393 im Hotel Saint Paul, anläßlich
der dritten Hochzeit einer Hofdame der Königin.
Neben verschiedenen mittelalterlichen
Bildern ist wohl die beste Beschreibung des »Wilde-Männle-Tanzes«
im Jagd- und Reisetagebuch des Fürstbischofs von
Augsburg, zugleich Kurfürst von Trier, Clemens Wenzeslaus,
zu finden (Münchner Staatsarchiv). Derselbe holte
die »Wilden Männle« von Oberstdorf an
den Hof zu Trier, um beim großen Hofball am 26.
August 1793 den hohen Gästen die »Komedy der
12 Wilden Mann« aus Oberstdorf vorzuführen.
Viele Urkunden beweisen die Aufführungen
des »Wilde-Männle-Tanzes« an den verschiedenen
Königshäusern, z.B. 1515 vor Heinrich dem VIII.
von England, 1393 am Hofe Karl VI. in Paris, Pastor Christian
Lehmann beschreibt das Wilde-Mann-Spiel im Erzgebirgischen
1615, dieses endet mit der tödlichen Jagd auf die
Wilden Mann. Auch aus Südtirol liegen Berichte vor
aus dem 18. Jahrhundert von Wilde-Mann-Spielen in Marling
bei Meran, unter Kaiser Josef wurde das »Wilde-Mann-Spiel«,
das im Burggrafenamt und im Vinschgau blühte, verboten.
Auf einem gewirkten Wandteppich aus dem Anfang des 16.
Jahrhunderts (Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg)
ist der Raub einer »Wilden Frau« durch einen
Ritter aus der Mitte ihres rauhbehaarten Volkes sehr lebendig
dargestellt. Ein älterer Wandteppich auf der Wartburg,
nach der Architektur wohl ins 13. Jahrhundert gehörig,
schildert die Verteidigung einer wildmännischen Königsburg
gegen feindliche Wildmänner.
Auch aus der Schweiz und vielen
anderen Orten liegen Frühberichte über Wilde
Männle vor, doch alle aufzuzählen ginge hier
zu weit. 1648, als die Pest in dem noch kleinen Ort Oberstdorf
über 800 Menschen dahinraffte, da haben einige beherzte
Burschen der Pest einen Possen gespielt und sind in der
Verkleidung der »Wilden Männle« durchs
Dorf getanzt. Als nach einigen Tagen die Burschen den
Tanz wiederholten und feststellten, daß keiner fehlte,
da wich die große Furcht vor der Pest aus der Bevölkerung.
In der Folge wurde der Tanz zu einem Volksfest, das lange
Zeit alle Jahre begangen wurde. Seit dem Jahre 1901 ist
nun der »Wilde-Männle-Tanz« vom Gebirgstrachten-
und Heimatschutzverein Oberstdorf in feste Hände
übernommen worden und wird seit dieser Zeit in einem
geregelten Turnus alle fünf Jahre wiederaufgeführt.
Der Tanz selbst erfordert große
Kraft und Gewandtheit und wird ausschließlich von
Männern verkörpert. Hier mittun zu dürfen
ist eine Ehre, und es kommen im allgemeinen nur Angehörige
alteingesessener Oberstdorfer Geschlechter dazu. In alter
Zeit wurde der Tanz von Holzpfeifen, Bockhörnern
und Trommeln begleitet. Als dann im Jahre 1811 ein Oberstdorfer
Schullehrer zur Musik Noten gesetzt hatte und auch ein
Freudenlied dazu vertonte, wurde die Tanzbegleitung von
den damals aufkommenden Blechmusikkapellen übernommen.
Die gesamten Aufführungen vollziehen sich unter den
Klängen einer altertümlichen Musik mit einer
altererbten, höchst einfachen Melodie, die in ihrem
ersten Andantesatz höchst ausgeprägte Rhythmen,
vorzugsweise für die Sprungbewegungen usw., aufweist,
während der zweite, der Allegrosatz, für die
rascher aufeinanderfolgenden Bewegungen eingerichtet erscheint.
Die Gewänder der »Wilden Männle«
sind aus Tannenbart genäht, das ist eine Moosflechte,
die nur an Tannen oder Fichten in höheren Gebirgslagen
(ca. 1400 bis 1900 m) vorkommt. Bedeckt ist der ganze
Mann bis auf die Augen. Auf dem Kopf trägt er einen
Kranz aus Stechholder-blättern (Stechpalme), um die
Hüfte trägt er einen Gürtel aus geflochtenen
jungen Tannenzweigen.
Die Bewegungen während des
Tanzes sind bis auf einige Figuren meist sprunghaft. Das
gesamte Tanzspiel besteht aus 17 Figuren und Gruppierungen.
Anton Köcheler (im
Oberstdorfer Magazin 1990)
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