|
Welche Gaudi: Zahnradbahn auf die Mädelegabel
Heute 100-Jahrfeier mit
einem Rehfiedles-Maler"
Oberstdorf/Immenstadt (pts).
Ein ungewöhnliches Jubiläum gibt es am heutigen
Freitag, 8. Februar, zu würdigen. Denn es jährt
sich zum hundertsten Male die Eröffnungsfeier der
Zahnradbahn Einödsbach-Mädelegabel. Eine gewaltige
Pionierleistung im Oberstdorfer Alpin-Tourismus von 1902,
über die allerdings inzwischen so viel Gras gewachsen
sein muss, dass heute nur noch das Eröffnungsplakat
und eine Einladung zur Jungfernfahrt von diesem größten
Kunschtwerk vom Ural bis zur Eifel" übrig
geblieben sind. Die Relikte wurden nur per Zufall als
verstaubter Nachlass entdeckt.
Rüdiger Brotzer aus Eßlingen, dessen verwandtschaftliche
Wurzeln in Simmerberg liegen, hat die verschollene Glanztat
aus der Gründerzeit im Erbe des Westallgäuer
Originals Josef Baldauf entdeckt. Das muss doch in die
Zeitung!, dachte sich der Freund des Allgäus und
rückte die Beweismittel raus. Ein verfrühter
Aprilscherz von anno dunnemals? Oder Gaudi-Überbleibsel
eines launigen Fasnachtsabends der einstigen Section
Immenstadt" des Deutsch-Österreichischen
Alpenvereins", wie es ihn zwischen 1870 und 1938
tatsächlich gab? Die Section" wird nämlich
in einem hübsch gezeichneten Prospekt als Erbauer
der Zahnradbahn gefeiert, zu dem ein gewisser E.
L. Hoess" gleich noch den gereimten Mammut-Werbetext
besorgt haben muss, auf (lmmenstädter?)Mundart.
Bis auf die 2645 Meter hoch in den Himmel ragende schroffe
Mädelegabel eine Zahnradbahn hinaufgetrieben? Und
dann noch vom eh schon abgelegenen Einödsbach aus
durch Tunnels und über schwindelerregende Viadukte?
Vor 100 Jahren wäre das eine Art alpines Weltwunder
gewesen, obwohl Zahnradbahn-Pläne aus jener Zeit
für das Nebelhorn durchaus herumgeisterten, wie das
wandelnde Lexikon" Eugen Thomma zu berichten
weiß.
Der Oberstdorfer Museumspfleger hat das Projekt Mädelegabei
gleich auf den ersten Blick als das Luftschloss eines
Luftikus identifiziert. Das damalige beliebte Bergsteiger-Ziel
bildete häufig auch das Zielobjekt von Spaßvögeln
und netten Schwindeleien. Eine Ansichtskarte mit einer
Schwebeseilbahn von Einödsbach zum markanten Berggipfel
neben der Trettachspitze existiert beispielsweise noch.
Auch den Urheber des Zahnradbahn-Scherzes glaubt Thornma
zu kennen.
Da gab es doch in den 20er Jahren den Kunstmaler Eugen
Ludwig Hoess, der sich als Bohemien in Immenstadt wie
Oberstdorf herumtrieb. Dessen malerische Visitenkarte
bestand darin, dass er seine Tiergestalten gern vom Allerwertesten
her in Position brachte, weswegen Hoess auch der Rehfiedles-Maler"
genannt wurde. Der Akt eines Gemsbocks samt eines angestrengten
und wohl fortschritts-feindüchen Melkers"
im Trachteng'wand findet sich ebenfalls in den Bahneröffnungs-Unterlagen.
I hock it ning, i fahr it mit, i milk ming Garns
und tränk die Gäscht, bim groasse Bahneröffnungsfescht",
grantelt der muffige Alphirt. Wo nicht einmal er als Fahrgast
der bequemen Gipfelbahn gewonnen werden konnte, hat sich
wohl auch das gesamte Projekt wirtschaftlich nicht rentiert.
Weswegen die Pionicr-Glanztat wohl auch noch weitere 100
Jahre ein Witz bleiben wird.
aus dem Allgäuer Anzeigeblatt
vom 8.2.02, Text von P. Schwarz
|