"In hundert
Jahren möchte ich gelesen werden"
Aus einem Vortrag bei der Gedenkfeier des Gertrud-von-le-Fort-Gymnasiums
anlässlich des 120. Geburtstags von Gertrud von Le Fort,
gehalten am 11. 10. 1996 von Dr. Antje Kleinewefers.
Lebensdaten und
Werke
Die Dichterin Gertrud von le Fort ist in der Nacht vom 31.
Oktober zum 1. November 1971 im Alter von 95 Jahren in Oberstdorf
gestorben. Sie hat in ihrer persönlichen Lebenszeit von
1876 bis 1971 fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte erlebt,
an dessen Ende nicht nur Deutschland selbst, sondern auch
Europa und die Welt tiefgreifend verändert worden sind.
Obwohl Gertrud von le Fort bereits früh
mit lyrischen und erzählenden Werken an die Öffentlichkeit
getreten ist, kann man von einem Oeuvre im eigentlichen Sinne
erst seit ihrem fünfzigsten Lebensjahr sprechen; sie
begann also erst "richtig" zu einer Zeit, da andere
häufig schon das Beste gegeben haben. Und ieser Beginn
hängt eindeutig mit ihrer Konversion zum katholischen
Glauben im Jahre 1926 zusammen.
1924 erscheinen die "Hymnen an die Kirche",
die sie mit einem Schlag über Deutschlands Grenzen hinaus
berühmt machen. Ein ähnlich zustimmendes Echo in
der Öffentlichkeit rufen der Roman "Das Schweißtuch
der Veronika" (1928) und die Novelle "Die Letzte
am Schafott“ (1931) hervor.
Mit dem Jahr 1933 tritt die le Fort gleichsam
in den Schatten der öffentlichen Aufmerksamkeit. Nach
einigen Jahren des Schweigens setzt sie ihre literarische
Produktion fort, häufig - aber nicht immer - in der für
alle Verständigen durchsichtigen Maske historischer Stoffe,
wie z. B. in
"Die Magdeburgische Hochzeit" (1938).
Sie ist dem Regime von Anfang an suspekt und wird spätestens
seit 1938 in der Literaturkritik einfach totgeschwiegen.
In der Zurückgezogenheit ihres Oberstdorfer
Wohnsitzes, (seit 1941) lebt sie wie manche andere Zeitgenossen
in der "inneren Emigration", treu ihrer Überzeugung,
die tief in ihrem christlichen Glauben wurzelt, treu auch
die Not des Volkes teilend, wie sie es später in ihrem
Schweizer Vortrag „Unser Weg durch die Nacht“
(1947) bezeugt hat.
Nach dem Krieg wird sie von Hermann Hesse
für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen 1949 zusammen
mit Martin Buber und erhält in den fünfziger und
sechziger Jahren viele öffentliche Auszeichnungen. Aber
obwohl sie zwischen ihrem siebzigsten und neunzigsten Lebensjahr
noch eine bedeutende Reihe von Werken veröffentlicht,
von dem Roman ''Der Kranz der Engel" (1946) bis zu der
letzten Erzählung "Der Dom" (1968), scheint
die Zeit doch über sie hinweggegangen zu sein. Während
sich eine fast ausschließlich katholische Lesergemeinde
um sie schart, wenden sich Literaturkritik und Literaturwissenschaft
der Exilliteratur und darüber hinaus den verfemten und
vergessenen Großen zu (z. B. Kafka). Zugleich drängen
die Jungen nach vorn, die das Grauen des Krieges erlitten
haben - viele an der Front und auf der Flucht - und nun aus
dem sprachlosen Entsetzen heraus ganz neue Wege des Sprechens
suchen.
Auf diese Weise hat Gertrud von le Fort fast
immer "neben" oder gar außerhalb ihrer Zeit
gestanden, durchaus ehrenvoll zwischen 1933 und 1945, aber
letztlich doch verkannt, nicht nur von ihren Gegnern, sondern
häufig auch von ihren Freunden.
Einordnung in die
Literaturgeschichte
Erst das Jahr ihres hundertsten Geburtstages, 1976, bringt
fundierte Ansätze zu einer neuen Auseinandersetzung mit
ihrem Werk. Man erkennt ihre Zeitgenossenschaft mit dem ungefähr
gleichaltrigen Hofmannsthal (geb. 1874), mit Rilke und Thomas
Mann (geb.1975), mit Hesse (geb.1877), aber auch mit Jüngeren,
die schon gestorben sind, als die le Fort erst richtig hervortritt:
Trakl (geb.1887) und Kafka (geb.1883).
Wolfgang Frühwald findet zur Kennzeichnung
ihres Platzes in der Literaturgeschichte das aufschlußreiche
Stichwort "deutscher renouveau catholique". Damit
spielt er auf den französischen renouveau catholique
an, zu dem so bedeutende Schriftsteller wie Paul Claudel und
Georges Bernanos gehören. Ihr literarischer Rang ist
völlig unbezweifelt , obwohl man die französische
Literaturkritik keiner besonderen Frömmigkeit verdächtigen
kann. Das heißt, in Frankreich ist es durchaus möglich,
ein guter Schriftsteller bzw. Dichter zu sein und zugleich
bekennender Katholik: homme de lettres et chrétien.
In Deutschland ist das nicht so selbstverständlich. Unter
dieser Schwierigkeit leidet bis heute das Verständnis
für Schriftsteller wie Werner Bergengruen, Reinhold Schneider
und eben Gertrud von le Fort.
Frühwald würdigt besonders le Forts
Roman "Der Kranz der Engel" (1946) als literarische
Auseinandersetzung mit dem Zusammenbruch bürgerlicher
Kultur und sieht dabei durchaus Parallelen zum Werk Thomas
Manns. Die mit Recht berühmt gewordene Novelle "Die
Letzte am Schafott"(1931) nimmt nach Frühwald prägende
Motive der Exilliteratur vorweg und weist mit ihrem philosophischen
Hintergrund (z. B. Kierkegaard) voraus in die Epoche des Existentialismus
und seines Dialoges mit dem Christentum in den vierziger und
fünfziger Jahren. Dieses Werk war aber zu seiner Entstehungszeit
- zwei Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten-
in historischer Maske ein deutliches Menetekel dessen, was
kommen würde und was überhaupt das Schicksal des
20. Jahrhunderts geworden ist: der scheinbar hoffnungslose
Antagonismus zwischen dem Individuum mit menschlichem Gesicht
und der gesichtslosen Masse.
Das Paradox der
Dichtung
In ihrer Dankesrede zur Verleihung der Ehrendoktorwürde
der Kath. Theologischen Fakultät der Universität
München (1956) sagte Gertrud von le Fort über die
Aufgabe der Dichtung, der sie sich verpflichtet fühlt:
„(...) geglückte Existenzen haben für die
Musen nur geringe Anziehungskraft, die Phantasie des Dichters
kreist, wie die Liebe Christi, um die Verlorenen." Damit
ist der innerste Impuls ihres Schreibens angedeutet.
In diesem Sinne ist es also die Aufgabe des
Schriftstellers, mitten in seiner Zeit zu stehen und ihre
Fragen, ihre Not, ihr Scheitern in seinem Werk zu gestalten.
Paradoxerweise reicht aber bloße Zeitnähe nicht
aus, sie wäre "nur ein Verhältnis zur Vergänglichkeit"
. Mensch und Welt und Zeitgeschehen sind für Gertrud
von le Fort nur im Horizont des Überzeitlichen ganz zu
verstehen. Weil der Mensch vom Ursprung her homo religiosus
ist, braucht auch das künstlerische Werk, wenn es von
Dauer sein soll, die Dimension des Religiösen.
Auch wenn damit Literatur ganz klar einen
Auftrag zu erfüllen hat, erschöpft sie sich nicht
in der bloßen Verkündigung einer Botschaft. Denn
ihr Thema ist ja der Mensch. Er lebt und handelt in der Welt,
und auf diese Weise schafft und erleidet er Geschichte . Die
Autorin, die die Überzeitlichkeit als Bezugspunkt ihrer
Arbeit betont, wählt - wiederum paradoxerweise - oft
Stoffe aus der Geschichte, an denen sie, einen gewissen Abstand
nutzend, wie an einem Modell das zeigen kann, was sie am Menschen
bewegt: seine Gebrechlichkeit und sein Versagen.
Aber der Künstler darf bei dem Riß,
der durch die Welt geht, nicht stehenbleiben, sondern muß
dazu beitragen, daß Spannung ausgehalten, daß
Gegensätze überbrückt werden: "Ich habe
als Dichterin keinen anderen Ehrgeiz mehr als etwas sagen
zu dürfen, was um Versöhnung bittet", schreibt
die Achtundsiebzigjährige am 10.3.1954 an den jüdischen
Schriftsteller Viktor Wittkowsky
Der Dichter verkündet als Anwalt des
verlorenen Menschen der Welt die Barmherzigkeit Gottes. Der
Mensch kann nur deshalb Mensch sein und wahrhaft menschlich
werden, weil Gott Mensch geworden ist. Ohne diesen Urgrund
der Humanität versinkt die bloß menschliche Natur
immer wieder in die Bestialität, schlimmer: in die amorphe
Gesichtslosigkeit der Masse, die "eben zu allem fähig
ist". Das ist die Botschaft der Novelle "Die Letzte
am Schafott“
"L'homme infiniment passe l'homme"
(Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen) - dieses
Wort Pascals kann auch als Schlüssel zum Werk der le
Fort dienen. In ihrer Novelle "Plus ultra" (1950)
hat sie genau diesen Gedanken in bewundernswerter Weise verdichtet
"Späte
Schwester der Sibylle"
"Es liegt mir wenig am Heute, aber in hundert Jahren
möchte ich gelesen werden." Dieses Wort der Droste
ist wohl auch Gertrud von le Fort aus dem Herzen gesprochen.
Sie zitiert es in ihrem Aufsatz über Annette von Droste-Hülshoff,
die sie als "späte Schwester der Sibylle" würdigt.
Man kann die wesentlichen Aussagen dieses
Aufsatzes ohne Abstriche auch auf die le Fort selbst beziehen;
denn zwischen dem persönlichen Schicksal und dem Werk
beider Frauen finden sich einige erstaunliche Entsprechungen.
Abgesehen davon, daß Gertrud von le Fort für sich
selbst nie in Anspruch genommen hätte, der Droste an
Rang ebenbürtig zu sein, war sie doch von dem Bewußtsein
durchdrungen, ähnlich wie die Droste einem prophetischen
Auftrag verpflichtet zu sein. So mag die Einleitung jenes
Aufsatzes auch als Aussage le Forts über sich selbst
verstanden werden: "Wenn wir uns hier anschicken, die
Gestalt und das Werk der größten Dichterin unseres
Volkes zu betrachten, so werden wir bald zu der Einsicht kommen,
daß diese Größe nichts mit allgemeiner Beliebtheit
zu tun hat. Annette von Droste-Hülshoff war als Dichterin
eine einsame Gestalt und blieb es bis zu einem gewissen Grade
auch heute noch. Ihr Ruhm ist in aller Mund, aber nur wenigen
ist ihr Werk ein wirklicher Besitz geworden."
Gertrud von le Forts Werke sind katholische
Dichtung, jedoch nicht im Sinne eng gesteckter konfessioneller
Grenzen, sondern als universale christliche Botschaft an alle
Menschen guten Willens (griech. katholikos – das Ganze,
alle betreffend).
Eine wesentliche Voraussetzung für die
Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft ist jedoch
- auf Zukunft hin - die Einheit der Christen. Diesem Thema
wendet le Fort sich besonders in einigen späten Werken
zu, in "Der Turm der Beständigkeit" (1957)
und "Der Dom" (1968). Ihr Tod an der Schwelle vom
Reformationsfest (31.10), zum Fest Allerheiligen (1.11.) gewinnt
vor diesem Hintergrund höchste Bedeutung. Dieser Hinüber-
und Heimgang wird zum Symbol eines ganzen Lebensvollzuges,
und damit gewinnt auch das Werk der Dichterin unmißverständlichen
Zeugnischarakter.