Wie sehr die Menschen noch bis vor kurzer Zeit an Geister geglaubt haben, beweist die große Anzahl von Sagen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Wollen wir jedoch zuerst den Begriff „Geist“ genauer betrachten. Etymologisch gesehen, entwickelte sich aus der ursprünglichen Bedeutung „Erregung, Ergriffenheit“ die Bedeutung „Geist, Seele, Gemüt“ und „überirdisches Wesen, Gespenst.“ In den Lexika wird der Begriff meist als Gegensatz zur "Materie" definiert. Wir werden sehen, daß dies für unsere "Geister" nicht unbedingt zutrifft. Diese sind oft sehr real und handfest, wie in dem folgenden Sagen zu lesen ist.
Der Hoarastane von der Kornauer Alp
Auf der Kornauer Alpe oberhalb der Breitachklamm musste man sich früher vor dem "Hoarastane" in Acht nehmen. Diese seltsame Gestalt mit ergrautem Bart hilet einen riesigen verasteten Stock in der Hand. Aus seinem Kopf ragten Kuhhörner wie bei einm wilden Klaus. Wer ihm begegnete, den hielt er auf und ließ ihn so lange nicht gehen, bis er ihm mit dem besagten Stock eines der beiden Hörner abgeschlagen hatte. Das war Hoarastanes gerechte Strafe. Als Senn sorgte er nämlich früher mit besonderer Freude dafür, dass Rinder ihre Hörner verlieren sollten. Wenn sie dann vor Schmerzen brüllten, dann lachte er nur. Nach seinem Tode wurde ihm deshalb auferlegt, zu geistern und die gleichen Qualen zu erleiden.
(Kurzfassung von A. Rößle)

An dieser Sage wird deutlich, wie schlimm früher mit armen Seelen umgesprungen wurde. Wir sehen jedoch auch, und das ist wichtig, daß der Umgang mit dem Vieh eine zentrale Bedeutung innehatte. "Es gehört in der Vorstellung der Bauern zu den verwerflichsten Sünden, wenn der Hirte der Herde ... Schaden tut. Waren die Tiere doch das kostbarste Gut des Bauern. Deshalb mußte auf den Hirten unbedingt Verlaß sein." . Dies beweist auch die große Anzahl von Sagen, die sich mit diesem alpwirtschaftlichen Themenspektrum beschäftigen. Der Frevel am Vieh hatte höllische Qualen zur Folge. Ein weiteres Beispiel ist der „Näsgeist“ von Tiefenbach, in der ein bekanntes griechisches Sagenmotiv variiert wird.
"Der Kälbermörder vom Falkenberg"
Auf der "Näswand" am Falkenberg bei Tiefenbach war einstens ein Senn, der die neugefallenen Kälber immer nahm und die senkrecht abstürzende Felswand herabwarf, damit er mit ihnen keine weitere Arbeit mehr habe. Zur Strafe dafür mußte er nach seinem Toden geisten. Man sah ihn oft auf der Näswand mit einer "weißen Schlutte" (Jacke) umgehen, am häufigsten der Pfarrer des Ortes.
(aus Reiser: Geistende Sennen 5, S. 347)
Bei Endres/Weitenauer wird seine Strafe dann auch genauer beschrieben: Nach seinem Tod musste er Nacht für Nacht mit einem schweren Kalb auf dem Buckel die Näswand hinaufklettern. Durch sein Stöhnen fürchteten sich die Kühe auf der Alp so stark, dass sie keine Milch mehr gaben. Erst wenn der "Näsgeist" mit seiner Sisyphosarbeit fertig war, konnte sie an ein Melken denken.
Leider wird nicht beschrieben, wie und wann dem „Näsgeist“ das Handwerk gelegt wurde. Ich kenne jedenfalls keinen lebenden Tiefenbacher, der mit ihm zu tun hatte. Wie ein solcher Geist ausgetrieben werden kann, das erklärt die folgende Sage, in der wieder das oben erwähnt Sagenmotiv auftaucht:
Der Sisyphos vom Einödsberg
Auf dem Einödberg unweit der Mädelegabel stand einstens ein Hirt im Dienst, der sehr lässig und unachtsam war, so daß ihm eines Tages eine Kuh, die zudem noch einer armen Witwe gehörte, "verfiel". Anstatt sich nun den selbstverschuldeten Unfall zur Warnung sein zu lassen, lachte der Hirte hellauf, als er die Kuh den steilen Abhang "hinunterbocken" und sich ein ums anderemal überschlagen sah. Dafür hat aber der gewissenlose Hirt nach seinem Tode keine Ruhe finden können und mußte als Geist die Kuh den steilen, hohen Bergabhang mit unbeschreiblicher Anstrengung hinauftragen und schleppen. Sobald er aber oben war, kam sie ihm aus und kollerte wieder herab, und dann mußte er darob fürchterlich lachen, daß es weithin schallte. Darauf sprang er wieder den Berg herab, um die Kuh von neuem hinaufzuschleppen. So ging es in einem fort, und weil nun darob eine große Unruhe in die Alpe gebracht wurde, so wollte zuletzt kein Hirt mehr bleiben. Auch fing es in der Hütte an zu geistern, und darum ließ man endlich einen Kapuziner von Immenstadt kommen, daß er den Geist verbanne. Nach langem Lesen und Benedizieren gelang es auch dem Pater, den Geist zu beschwören, der nun aber seinerseits, bevor man ihn verbanne, nach dem Fürwitz verlangte. Da überließ man ihm statt dessen eine alte Geiß, die er sogleich "in Fetzen zerriß"; darauf beschwor ihn der Kapuziner auf die wilden und unzugänglichen Schrofen der Trettachspitze.
Wer dieser "Fürwitz" eigentlich gewesen wäre, nach dem der Geist verlangte, weiß man nicht; aber einige meinten, das sei jedenfalls "Hatscherles Kaschpa" gewesen, denn der habe bei der Beschwörung verstohlen zugeschaut und sei auch sonst immer so siebengescheit gewesen, daß man ihn oft den "Fürwitz" geheißen habe.
(aus Reiser, Geistende Hirten 1, S. 340)
Der arme Hirt muß nicht nur geistern, nein diesmal wird er sogar noch verbannt, die Erlösung wird ihm sogar bis in alle Ewigkeit vorenthalten. Exorzist ist ein Ordensmann. Ein Kapuziner aus dem nahen Immenstädter Kloster wird gerufen, denn nur er kennt die Verhaltensweise der Geister und weiß, wie man ihr begegnet. Er beherrscht das „Benedizieren“, das Geisteraustreiben und wird auch mit unvorhergesehenen Problemen fertig.
Die Glaubwürdigkeit der Geschichte wird durch den heimlichen Beobachter, sogar der Name des Zeugen wird genannt, verbürgt. An dieser Stelle muß nochmals darauf hingewiesen werden, daß die Sagen der Vorstellungswelt der Menschen vor nicht weniger als hundert Jahren entsprachen. Die Menschen hielten sie für Tatsache. Sogar der aufgeklärte Kaplan Feuerstein aus dem Kleinen Walsertal berichtet in seiner „Baader Chronik“, deren Zusammentragung er 1782 begann, ohne den Hauch eines Mißtrauens von einigen übersinnlichen Ereignissen wie dem „Walsermännle“. Natürlich wußte er damals nicht, daß er damit wahrscheinlich die ältesten Sagenaufzeichnungen unserer Region geschaffen hatte.
Jetzt muß nur noch geklärt werden, wohin ein solcher Geist verbannt werden kann. Welcher Ort eignet sich besser als die wilden Felsen und Schluchten unseres Hochgebirges? Hieß die Trettach nach Baptist Schraudolf nicht sogar "Gistkopf" ? Aber auch die Krottenköpfe sollen nach Reiser früher "Geisterköpfe" geheißen haben. Auf die Höhe dieser Berge habe man einst die unruhigen Geister aus der ganzen Umgebung zu bannen gepflegt.
"In der Gestalt häßlicher "Krotten" mußten sie fortan auf den wilden Felsspitzen bleiben. Davon haben diese Berge den Namen "Krottenköpfe" bekommen.. Sogar ein Fürst soll unter diesen Geistern sein; bei Lebzeiten sei jener ein grausamer Tyrann und Zwingherr gewesen. Ein fahrender Schüler beschwor ihn nach seinem Tod auf die wilden Schrofen und schmiedete ihn dort mit Ketten an einen Felsen, wo er unbekleidet die ärgste Sommerhitze und die furchtbarste Winterkälte aushalten mußte."
Exorzist ist diesmal ausnahmsweise ein "fahrender Schüler", ein studierter Mann, dem man in unseren Sagen eher die Fähigkeiten eines Zauberers zuschreibt als die eines Geisterjägers. An dieser Sage wird auch ein häufig benutzter Aspekt deutlich: Sagen versuchen zu erklären. Hier wird ein unverständlicher Bergname volksetymologisch gedeutet. Daß aber der Name "Krottenkopf" nichts mit "Kröten" zu tun hat, sondern wahrscheinlich auf das romanische Wort "crypta" im Sinne von "abschüssiger Ort, Felswand" zurückgeht, können wir bei Steiner nachlesen.
Kehren wir nun zurück zu unseren Geisterhirten:
Der Feuerreiter vom Söllereck
Auf der Sölleralpe wurde einmal ein Walser mit dem Namen Nepf angestellt, obwohl er einen sehr schlechten Ruf hatte. Trotzdem nutze er diese Chance nicht und trieb mit Vorlieben Kühe in einen Tobel, damit sie verendeten. Besonders schlimm verhielt er es aber gegenüber Pferden. Einmal durchflocht er die die Mähne und den Schwanz eines Pferdes mit Binsen und zündete diese dann an. Ein andermal jagte er zwei Rösser in eine Felsspalte, aus der sie nicht mehr entkamen. Am schlimmsten war, dass er jede Hilfe der anderen Hirten verhinderte. Deshalb wurde er schlussendlich doch entlassen, angezeigt und zu einer schlimmen Strafe verurteilt. Weil er sich danach trotzdem nicht besserte, bekam er nie mehr eine Anstellung und fristete als Bettler sein Lebensende.
Als er starb, musste er seine Schuld als Geist sühnen. In Sturmnächten ritt er als leuchtendes Geistergerippe auf einem brennenden Pferd über die Sölleralp. Dabei soll er die ganze Zeit geschriehen haben:
"Holet d' Ross, holet d' Ross!"
Zum Schluss sei er dann in jener besagten Felsspalte verschwunden.
Man erzählte sich, dass die Verwandten des Nepf schließlich den Bauern den Schaden ersetzten, ein großes Pferd aus Wachs für die Kirche von Mittelberg stifteten und einen Pater aus Bregenz holten, um das Seelenheil ihres Verwandten zu retten. Der Pater hat demnach den unheimlichen Ort ausgesegnet, die Pferdeknochen herausgeholt und in geweihter Erde beigesetzt.
(nacherzählt von A. Rößle)
Unser Nepf hatte im Gegensatz zu seinen Vorgängern Glück gehabt, er wurde nicht verbannt, sondern sein Seelenheil wurde gerettet. Unsere Geister sind hierbei stets auf die Hilfe der Lebenden angewiesen. Es sind seine Verwandten, die mit der Hilfe eines Bregenzer Paters seine Rettung schaffen. Wir sehen ein weiteres Mal, wie sich in diesen Sagen das Rechtsempfinden der damaligen einfachen Menschen widerspiegelt. Auf zwei andere Alpgeister, nämlich den "ewigen Melker auf dem Einödberg" und den "Steckengeist von der unteren Mädelealp" sei hier nur verwiesen.
Wir wollen nun jedoch die Alpen verlassen und ins Tal absteigen, denn auch hier begegnen uns allenthalben Widergänger.
Der Markenrücker von Tiefenbach
Ein Bauer von Tiefenbach ging einmal vom Badwirtshause nachts spät heim, und wie er am Mühlbach herging, hörte er immer vom Felde her kläglich rufen: "Wo soll ich's hintun? Wo soll ich's hintun?" Da das Gejammer nicht aufhörte, so wurde der Mann, der dem Bier stark zugesetzt hatte, zornig und rief: "Tue's bigott hi, wo des g'nomme häscht!" Da kam sogleich ein Geist und sagte, nun sei er erlöst; denn er habe zu Lebzeiten eine Marke gerückt und den Ort, wo sie hingehörte, nicht mehr finden können. Zum Dank für die Erlösung wollte er dem Manne die Hand geben; der hielt ihm aber den Hut hin, in dem man am andern Morgen alle fünf Finger eingebrannt sah .
Ein häufig in Sagen aus dem alemannischen Raum auftauchendes Motiv ist das des "Markenrückers".
Wenn man aus der Geschichte Oberstdorfs weiß, wie jeder Quadratzentimeter Bodens genutzt wurde, um irgendwelche wirtschaftlichen Erträge zu gewinnen, dem muß klar sein, welche Bedeutung das Eigentum an Grund und Boden innehatte. Bis hinauf in die steilsten Hänge wurde Bergheu gewonnen und unter größten Mühen und Gefahren im Winter geborgen. Der Boden um den Ort war um ein vielfaches wertvoller und von ihm und seinen Erträgen hing das Überleben der ganzen Familie ab. Bis ins 19. Jahrhundert waren Hungersnöte wegen Mißernten an der Tagesordnung. Da mußte ein Grenzfrevel natürlich mit Höllenqualen, die in enger Beziehung zum einstigen Verbrechen stehen, gesühnt werden. Der Tote findet dabei erst dann seine Ruhe, wenn das Unrecht beseitigt ist. Ganz wichtig ist dabei, daß die Wiedergutmachung noch auf der Erde geschehen muß und, wie oben schon gesagt, dabei ist die Mithilfe eines Lebenden notwendig.
Lagen bei den vorherigen Sagen wirkliche Verbrechen vor, so sehen wir bei der nächsten Sage, daß Geiz allein schon ausreicht, um zum Geistern verurteilt zu werden:
Der Geist auf der Käskiste
Einer der Klammgeister soll ein reicher Käsehändler aus dem Walsertal sein. Er soll so hartherzig und geldgierig gewesen sein, dass er sogar in einer Hungersnot seine großen Vorräten an Butter und Käse etwas abgeben wollte. Hierzu meinte er: „Lieber werfe ich meine Sachen in den Zwing hinab.“ Das soll er dann sogar auch getan haben, damit ja niemand etwas davon abbekommen konnte. Als Strafe musste er nach seinem Tode in der Breitachklamm geistern. Noch heute soll man in bestimmten Nächten sehen, wie er in der unheimlichen, gurgelnden Schlucht auf einer Käskiste sitzt.
(nacherzählt von A. Rößle)

Mangelnde Freigebigkeit der Reichen wird in der bäuerlichen Sozialanschauung als Mißbrauch des Reichtums aufgefaßt. Diese Art der Sozialkritik wird auch in der nächsten Sage deutlich. Bitte achten Sie auf den Dialekt des Löwenwirts!
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"Hundert Duma send au a Maß!"
Vor vielen Jahren gab es einen Wirt in der Wirtschaft zum Löwen, der eine ganz besonders verwerfliche Angewohnheit besaß: Beim Einschenken hielt er immer seinen Daumen ins Glas. Dazu bemerkte er süffisant: „Damit’s a güets Maß git". Seine ehrliche Frau warnte ihn deshalb des öfteren und meinte, dass er sein Handeln irgendwann einmal büßen müsse. Er lachte sie jedoch aus und entgegnete nur: "Hundert Duma send au a Maß!"
Diesen Frevel musste er natürlich nach seinem Tode bitter büßen und fortan in den tiefen, zweistöckigen Bierkellern unter der Löwenwirtschaft als Geist sein Unwesen treiben. Dort unten schlurfte er jetzt als geisternder Wirt mit einem Krug umher. Mal hörte man ihn unter der Stiege und manch einer sah ihn sogar mit seiner Knochenfaust am Spund der Fässer herumwerkeln. Denn besonders schlimm erging es seinem Daumen, denn dieser glühte und bereitete ihm höllische Schmerzen. Was blieb ihm also anders übrig, als diesen in ein Fass zu rammen, um dort Linderung im kühlen Bier zu suchen. Dadurch wurden die Fässer im Löwenkeller jedoch häufig undicht und liefen aus. Seine Nachfolger wären deshalb beinahe auf die Gant gekommen.
In ihrer Not ließen sie aus diesem Grund einen Kapuziner aus Immenstadt kommen, damit dieser den Geist verbanne. Der Pater beschwor ihn und trug ihn in seinem Kuttenärmel zum Faltenbach hinauf. Trotz heftiger Gegenwehr schaffte der Kapuziner es, den Geist in den Strudel des Faltenbachwasserfalles zu verbannen. So hatte die Löwenwirtschaft wieder Ruhe vor ihm.
Im Sommer, wenn der Faltenbach wenig Wasser führt, konnte man dort öfter eine Kröte der Größe eines neugeborenen Kalbes sehen, die einen mit traurigen Augen anblickte. Das war wohl der Löwenwirt, der auf seine Erlösung wartete. Da man sie jedoch in der letzten Zeit nie mehr sehen konnte, scheint sie doch von jemandem erlöst worden.
(nacherzählt von A. Rößle)
Dieser Sage, die sich stilistisch dem Schwank nähert, hören wir deutlich an, daß sie eigentlich mehr unterhalten als belehren will. In ihr sind fast alle vorher angesprochenen Elemente vereinigt.
Zentral bei den bisher behandelten Sagen ist die Verbindung des sündigen Menschen mit seinem Schicksal nach dem Tode. Es gibt jedoch noch eine ganze Reihe weitere Geistergeschichten, bei denen diese Verbindung nicht mehr erkenntlich ist. Wir lernen jetzt anonyme Geister kennen. Sicher sind auch sie Widergänger, nur ist der Grund der Rückkehr nicht mehr bekannt.
Der feurige Reiter vom Burgstall
Auf dem Burgstall am Fuße des Himmelschrofens bei Oberstdorf hat man in alten Zeiten zuweilen einen feurigen Reiter herumjagen sehen. Er hatte keinen Kopf und kam manchmal bis gegen Loretto hereingeritten, wo er gewöhnlich plötzlich verschwand oder auch zurückraste.
Als auch einmal ein Oberstdorfer abends im Ösch draußen noch arbeitete, kam da plötzlich der feurige Reiter dahergesprengt. Der Mann hatte kaum Zeit, sich vor Schreck etwas zu fassen, so sauste der wilde Reiter ohne Kopf an ihm vorbei, und ein Stimme rief: "Sef, komm, i laßte mitreite ge Lorette!" Im Nu aber war er dann dahin, indes der Oberstdorfer nicht mehr weiter zu arbeiten begehrte, sondern entsetzt davonlief, so viel er nur Boden unter die Füße bekam.
Anhand dieser Sage läßt sich recht gut beschreiben, wo sich Geister herumtreiben. Beliebt sind natürlich alte Ruinen. Beispielsweise stand am Burgstall wirklich einmal eine kleine Burg der Ritter zu Heimenhofen. Selten trifft man die Geister innerhalb der Ortschaft, sondern meist in unbewohntem Gebieten an. Strenge Grenzen sind ihnen durch christliche Marken, wie hier der Lorettokapellen, gesetzt. Für einen Oberstdorfer bedeutete eine Kapelle sogar die Rettung vor einem kopflosen Geist.
Der Mann ohne Kopf bei Ruben
Bei Ruben hat man zu frühesten Zeiten des Nachts oft einen Mann herumwandeln sehen, der keinen Kopf hatte. Kam da auch einmal ein Oberstdorfer des Weges, der sich in Altstätten stark verspätet und dem man dort eine Mähre mitgegeben hatte, daß er heimreiten könne. "Auf dem Damme" oberhalb Ruben blieb nun mit einem Male das Roß stehen, fing an zu zittern und war keinen Schritt mehr weiter zu bringen, der Reiter mochte es streicheln oder schlagen. Auch als er abstieg und es am Zaume führen wollte, ging es nicht, und so merkte der Mann wohl, daß hier ein Spuk los sein müsse; denn wenn etwas Ungerades um die Wege ist, merken das die Pferde immer zuerst und zeigen es an. Wie nun aber alles nichts half, riß dem Oberstdorfer die Geduld; er stieg auf, hielt sich fest an der Mähne ein und fing nun zu schwören und zu fluchen an, so viel er nur Worte finden konnte, und siehe, das half! Der Gaul machte einen "Juck" und sauste dann im rasenden Galopp dahin. Bei der Rubener Brücke schaute der Reiter um und sah nun zu seinem Schrecken einen schwarzen Mann ohne Kopf ihm nachjagen, der ihm folgte bis zur "Hexenkapelle" bei Oberstdorf, wo er plötzlich verschwand.
(aus Reiser: S. 71)
Die Hexenkapelle kennen Sie ja schon aus dem Artikel über die Hexen: Es ist die Vierzehnnothelferkapelle, die beim Großen Brand 1865 abgebrannt ist. Sie stand am nördlichen Ortseingang, ungefähr dort, wo heute die Hypotheken- und Wechselbank ist. Warum recht häufig kopflose Geister unterwegs waren, kann nur vermutet werden. Vielleicht sind sie eine Erinnerung an die grausigen Zeiten, als den Verbrechern noch der Kopf abgeschlagen wurde, oder sie erinnern an alte Skulpturen aus der Antike, die auch häufig kopflos dastanden.
Gerade anhand der letzten beiden Sagen läßt sich ein weiterer wichtiger Aspekt der Sagen erhellen: Wie kann so eine Geschichte überhaupt entstehen?
Zu allererst war es für die damaligen Menschen sonnenklar, daß neben der real existierenden Welt eine zweite, spirituelle bestand. Durch Erzählungen in der Kunkelstube wurden die Geschichten weitergegeben und sicher auch ausgesponnen. Die Geister spukten also schon in den Köpfen unserer Vorfahren, bevor sie persönlich eine Geistererscheinung hatten. Damit es jedoch zu einer solchen kommt, müssen zwei weitere wichtige Punkte erfüllt werden. Der erste ist die persönliche Disposition des jeweiligen Menschen. War er leichtgläubig, ängstlich? Hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er in Altstätten "verhockt" war? Hatten ihm seine Freunde zu viel ins Glas geschenkt? Oder litt er gar an einer Krankheit wie der Epilepsie? Hier sei an die Fahrten mit der Nachtschar erinnert. Traf einer dieser Punkte zu, dann war auch ein Geist nicht weit. Der zweite Aspekt ist die Umwelt, die jeweilige Situation, in der sich die Person, meist allein, befand. Bei bestimmten Wettersituationen wie Gewitter, Sturm und Hagel waren die Menschen anfälliger. Die Angst wuchs und mit der Angst die Nähe der Spukgestalten. Jetzt reichte nur noch ein Funke, ein auslösender Reiz, und schon war der "kopflose Mann" real existierend. Der einzige Ausweg war Flucht. Zum Nachdenken blieb keine Zeit. In Oberstdorf, der vertrauten Umgebung, wieder angekommen, war der Geist weg. Natürlich gab es für das Verschwinden auch eine Erklärung: Die Hexenkapelle mußte es gewesen sein, denn an christlichen Symbolen kam kein Geist vorbei.
Mit der nächsten Geschichte kehren wir kurz wieder auf die Alpen zurück.
Der Lochbachgeist
Im Lochbachtal zwischen Tiefenbach und Balderschwang ist eine Alphütte, in der früher, sobald man im Herbst mit dem Vieh abgezogen war, ein Geist einzog und darin verblieb bis zum Alpzug im Frühjahr.
Während dieser Zeit ward niemand in der Hütte gelitten, und wenn je ein Jäger oder ein Wilderer darin übernacht bleiben wollte, so wurde er "hofrechts" hinausgeworfen. Wenn man nachts hier vorbeiging, hörte man nicht selten drinnen ein fürchterliches Gepolter, wildes, wüstes Lärmen und lautes "Stallieren". Drum blieb auch die Hütte allgemein zu dieser Zeit gemieden.
(aus Reiser: "Geister" ziehen in verlassene Hütten ein,1, S. 342)
Anhand unserer Sagen können wir auch die Zeit, in der die Geister unterwegs waren, genauer eingrenzen. Die Zeit zwischen dem Gebetläuten am Abend und am Morgen war die gefährlichste. Ausgesprochene Geisterzeit war das Winterhalbjahr in den Alpen. Zwischen den beiden Festen Kreuzerhöhung (14. September) und Kreuzauffindung (3. Mai) haben die Geister das Recht in den Alpen. Sie verteidigen in dieser Zeit ihr Hausrecht, das sie außerhalb der Alpzeit besitzen. Auch die Nachtschar erscheint in dieser Zeit. Im Gegensatz zu vielen anderen Hüttengeistern ist unser Lochbachgeist jedoch verhältnismäßig höflich, denn die Störenfriede werden nur hinausgeworfen. In vielen Vorarlberger Sagen passiert ihnen da schon mehr. Doch fast immer bleibt der Mensch Herr der Situation und nur ganz selten endet eine Geisterbegegnung tödlich
Zum Schluß wollen wir noch drei Geistererscheinungen kennenlernen, die wahrscheinlich aufgrund einer Wettersituation entstanden sind, die sich unsere Vorfahren nicht erklären konnten.
Lichtergeister auf dem Seealpsee
Bei dem hochgelegenen einsamen Seealpsee bei Oberstdorf war es ehemals nicht ganz geheuer. Die Berghoiber konnten da oftermalen über die Wasserfläche ein Licht schweben sehen, das sie wegen seiner häufigen Erscheinung zuletzt gar nicht mehr fürchteten. In der am Ufer stehenden Fischerhütte bemerkten sie ebenfalls oft Lichter zu Zeiten, wenn man bestimmt wußte, daß kein Fischer oder sonst jemand von Oberstdorf heroben war. Die Hütte gehörte damals drei Brüdern vom Kienberg, die oft im See fischten und daneben Bergheu machten. Wenn sie in der Hütte übernachten wollten, warf es jedesmal einen von ihnen, sobald sie das Feuer auslöschen ließen, zur "Britsch" hinaus und litt ihn nicht eher darin, als bis sie wieder das Feuer anbrannten.
(aus Reiser: Geister beim Seealpsee, S. 31)
Der Höfatsgeist
Von der Höfats wird erzählt, dass sich früher niemand mit eisernen Werkzeugen und Geräten an sie heranwagte. Es gab dort nämlich einen Geist, der Eisen zum Glühen bringen konnte. Deshalb hat man auch hin und wieder Personen mit verbrannten Händen und Füßen aufgefunden, die Opfer des Höfatsgeistes geworden sind und deshalb abstürzten.
(nacherzählt von A. Rößle)
"Kalte Feuer" auf Alpen
Wer jahraus und jahrein in der Natur unterwegs ist, lernt schnell die besondere Zeichen in der Natur zu deuten. So wussten die Sennen früher natürlich sofort, dass besonders viele Geister unterwegs waren, wenn es in der Luft „bramselet“* war. Diese Geister konnten sogar Milchkübel, die man zum Trocknen auf Hagstecken gestülpt hatte, zum Leuchten und Brennen bringen. Da es aber nur ein "kaltes Feuer" war, passierte den Milchkanten nichts.
Die Hütte derr Sölleralpe soll einmal Feuer gefangen haben, ohne dass es eine Gewitter gab. Das war nur geschehen, weil die Berggeister mit den Sennen unzufrieden waren. Für einen erfahrenen Senn war es deshalb selbstverständlich, dass er den Geistern an solch einem besonderen Tag einen Gefallen tat. Besonders schlimm war es, wenn die „Tüüffen“** geheimnisvoll knisterten und es in der Hütte knackt, als wäre der Holzwurm sogar noch unter den Dachlandern aktiv. An diesen Tagen ließ der Senn beim Melken vorsichtshalber ein paar Tropfen im Euter, damit die Geister auch etwas davon abbekamen. Das schadete auf der einen Seiten den Kühen nicht, dafür stellte es auf der anderen die Berggeister zufrieden. Sie stellten dann an der Alpe nichts Böses an, auch nicht wenn alles Eisen an der Hütte in unheimliches, gespenstisches Licht getaucht war.
(nacherzählt von A. Rößle)
* bramselet: unbekannt, vielleicht brummen, schwirren ?
** Tüüffen = Latschen
Wir sind jetzt am Ende unserer Geistergeschichten angekommen. Wir haben die verschiedensten Typen kennengelernt und viel über den Glauben und das Rechtsempfinden unserer Vorfahren erfahren. Uns sind solche Geistererscheinungen fremd. Nur gefühlsmäßig kommen wir in Situationen, in denen wir unsicher sind und ängstlich reagieren. Uns fehlen die Vorgaben aus dem Kopf und die moralischen Normen der Vergangenheit. Wir wissen zu viel über die Zusammenhänge in der Natur. Geister wie unsere Ahnen werden uns fremd bleiben, aber neue Geister, neue Sagen sind schon im Kommen: Wie viele Menschen wurden gerade in den letzten Jahren von Außerirdischen entführt? |
| Geister- und Totesagen |
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RE
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EN
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| Feuriger Reiter bei Oberstdorf |
33 |
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| Das Heer der Allgäuer Schimmelreiter |
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128 |
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| Der Mann ohne Kopf bei Ruben |
71 |
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| Die nächtliche Wäscherin bei Rubin |
106 |
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| Der Burgstall bei Oberstdorf |
251 |
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| Geister beim Seealpsee |
317 |
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| Nacht ist it Tag (2) |
327 |
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| Weggeister (4) |
339 |
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| Geister ziehen in verlassene Hütten ein (1) |
342 |
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| Der Höfatsgeist |
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37 |
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| Geheimnisvolle Funken auf Hochalpen |
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37 |
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| Der Oberöschler Fuchs bei Oberstdorf |
284 |
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| Der Fuchs im Oberen Ösch |
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155 |
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| Der Reiter auf feurigem Roß |
307 |
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 |
| Der Feuerreiter vom Söllereck |
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49 |
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| Der geistende Wirt in Oberstdorf |
312 |
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| Der geisternde Wirt |
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447 |
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| Markenrücken (1) |
337 |
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| Geistende Hirten (1, Einödberg) |
340 |
|
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| Geisternde Sennen (3, Einödberg) |
|
126 |
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| Geistende Sennen (2, Schmalzbettlerin) |
346 |
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| Geistende Sennen (5, Näswand) |
347 |
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| Geisternde Sennen (Tiefenbach) |
|
437 |
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| Geist beunruhigt das Vieh |
348 |
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| Geister im Zwing beim Walserschänzle |
350 |
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| Der Breitachklammgeist auf der Käskiste |
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440 |
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| Die Krottenköpfe bei Oberstdorf |
351 |
|
|
| Die Krottenköpfe bei Oberstdorf |
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448 |
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| Gestrafter Frevel bei einer Totenwache |
412 |
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| Der ewige Melker auf dem Einödberg |
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123 |
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| Geisternde Sennen (4, Kornauer Alp) |
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126 |
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| Die drei Brüderböcke an der Höfats |
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146 |
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| Zusätzlich Literatur: |
Duden Band 7, Etymologie, Mannheim 19963
Duden Lexikon in 3 Bänden, Band 2 , Mannheim 1976 Endrös/Weitnauer, S. 126
Willand Detlef, "Seltsames und Unheimliches - Die Sagen des Kleinen Walsertales", Bietigheim 1994
„Vornehmste Merkwürdigkeiten des Walser-Thaales, Die Baader Chronik“, Band I, Faksimile, Immenstadt 1997
Thaddäus Steiner, "Die Flurnamen Bayerns, Heft 6, Die Flurnamen der Gemeinde Oberstdorf im Allgäu, Teil II, München 1973
Richard Beitl, "Im Sagenwald", Feldkirch 1953
Lutz Röhrich, "Sage", Stuttgart 1966, S. 12
Lutz Röhrich, "Die deutsche Volkssage" Darmstadt 1969 |
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